Makis Haustierbuch

First Edition 2007
Peperoni Books, Berlin
www.peperoni-books.de

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Eine kleine Vorreise (Vorgeschichte) zum Haustierbuch

»Warum zeichnest Du?« wurde ich gefragt, als ich rund um den Küchentisch mit meinen Freunden gefrühstückt habe, »warum zeichnest Du?«.

Zum Frühstück kam die Frage sehr überraschend, daher war ich mir nicht sicher, was ich antworten sollte: »Sonst langweilige ich mich im Leben«, war der einzige Satz, der mir einfiel.

»Das gibt’s ja nicht!« Meine Freunde waren ein wenig enttäuscht und wiederholten: »Das gibt’s ja nicht, das geht ja wohl nicht! Man könnte z.B. besser sagen, dass es mir Spaß macht, oder sowas wie: das ist mir eine Freude!«

Sie hatten recht! So meinte ich das auch. Ich wollte ihnen von meiner kleinen Reise erzählen. Aber dafür war es noch zu früh morgen und ich brauchte noch Zeit, um wach zu werden.

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Vor der Abreise:

Es war meine erste Reise nach Deutschland oder ins Ausland überhaupt. Weg von der Insel, auf der ich aufgewachsen und großgeworden bin. Ich hatte auf meinem Rollwagen/Trolli eine Tasche mit meinen ganzen Klamotten, einem Schlafsack, und einer großen runden Aludose, in der meine Bleistifte und Buntstifte verstaut waren. Ich schleppte ihn meistens mit der rechten Hand. Über meiner linken Schulter hing meine schwarze Mappe. Mein Gepäck wurde unterwegs immer schwerer, wobei mein Herz noch schwerer war. Ich war 19 Jahre alt, hatte eine Phase, in der mir alle Probleme hoffnungslos erschienen.

Das ist doch normal, fand ich schon damals, denn der Kampf mit anderen, aber vor allem mit mir selbst hat mich schwer verletzt. Ich wusste, was die Gesellschaft von mir verlangte, aber es ist oft sehr kompliziert immer die richtige Rolle zu spielen. Daher wusste ich nicht mehr was ich machen sollte. »Wer will ich sein?«, fragte ich mich. Daher flüchtete ich in mein Inneres, behielt meine Meinung für mich; ich verlor die Wörter und lächelte oberflächlich.

Zur selben Zeit wuchs meine Sehnsucht zur Kunst. Sie brannte in mir. Ich glaubte, dass es in der Kunst eine bestimmte Ebene gäbe, auf der mich niemand mehr verletzten könne. Ich hatte die Vision, die Kunst sei ähnlich wie der Himmel über den Wolken, ein bisschen kalt und sehr klar, aber voll Sonne. Die perfekte Welt. Mit all meiner Leidenschaft versuchte ich sie zu finden, sie zu erreichen.

Doch das war mein Fehler. Ich hab mich verirrt. Ich wurde blind, verlor Licht und Richtung. Im Dunkeln fühlte ich mich ganz alleine, obwohl meine Freunde und Familie immer bei mir waren. An diesem Punkt wollte ich raus, weg von meiner Umgebung.
Makis_Haustierbuch5»Raus« heißt ja nicht, einfach in das Ausland zu flüchten. Ich brauchte einen Knopf, mit welchem ich alles neu starten könnte. An der Universität studierte ich Malerei. Als Nebenfach besuchte ich einen zweiten Fremdsprachenkurs: Deutsch.

Warum Deutsch? Das weiss ich nicht mehr. Mir war egal, ob Französisch oder Spanisch. Ich hatte ja kaum eine Perspektive. Meinen Diskussionskurs führte ein Deutscherlehrer, welcher Schwierigkeiten hatte mit uns zu diskutieren, da wir gerade mal das Alphabet beherrschten. Somit versuchte er, uns mit Kaffee zu ermutigen. Ich habe noch nie solch einen Lehrer gesehen. Er war der einzige, der in seinem Rucksack eine Kaffeemaschiene, 2 Liter Wasser und 1 Liter Milch versteckte, um den Studenten Kaffee zu servieren. Das ist ihm sehr gelungen. Die Sonne schien. Das Fenster war auf. Ein Baum und zwei Bäume. Er glaubte, dass diese Sprache selbtverständlig und logisch sei. Aber so ist es nicht! Solche Erfahrungen haben mich sehr interessiert. Ich hab mich sogar verliebt.

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Meine erste Reise

Die Jugendherberge, in der ich wohnte, liegt in einer kleinen aber schönen Stadt an der Lahn. Als ich am Flughafen in Frankfurt gelandet bin, hatte ich keine Ahnung, wo ich ankommen würde. Mir war alles egal. Zwar hatte sich mir die Welt geöfffnet, aber im Morgentau war alles noch dunkel und kalt. Das Land war mir so fremd: Gepflasterte Straßen, rote Kirchen mit grünen Dächern und die Luft roch nach frischem Grün, wie Kräuter. Es war ein Frühlingsabend. Die Straßen-Cafés hatten schon geöffnet, doch es war nicht viel los. Ich suchte mir einen Ort, an dem ich mich setzen und mein Gepäck verstauen konnte. Vor einem Kinderheim gab es einen kleinen Busch und eine Treppe, auf die ich mich setzte, um etwas zu essen. Ich dachte: » Oh Gott, bin ich aber weit weg von zuhause.« Ich machte meine Augen zu, war aufgeregt und konnte kaum einschlafen, außerdem war der Straßenverkehr sehr laut, und es klingelte ständig ein Telefon im Haus. Der Ton war sehr aggressiv. Solche Töne habe ich in meiner Heimat seit langem nicht mehr gehört. Es hat mich an ein altes schwarzes Telefon mit Schnur und Drehscheibe errinnert. »Oh gottohgott«, dachte ich. »das gibt’s doch nicht, hier ist alles noch wie früher«.

Ich wollte die Uhrzeit wissen. Es war schon Mitternacht. Ich konnte kaum schlafen, obwohl mein Körper und meine Seele sehr müde waren. Ich wollte nur wissen, wann der Morgen kommt. Vor der Reise war es einfach. Ich hatte immer ein Handy dabei, oder man findet an jeder Ecke Geschäfte, die 24 Stunden auf haben. Eine Uhr zu finden war nicht so schwer. Aber in diesem Moment war es fast unmöglich. Ich musste tatsächlich bis zum Haubtbahnhof durch die ganze Stadt, es war erst 3 Uhr nachts.

Am Bahnhof gab es nur ein paar Inbiss-Restraunt noch das Licht an hatten. Ich merkte plötzlich, dass ich schon lange nicht mehr gegessen hatte und hungrig war. Aber Appetit hatte ich nicht. Aus Angst vor dem Verkäufer und Kosten, habe ich mir nur eine Tasse Kaffe bestellt. Als ich am Tisch saß, wünschte ich mir nur noch, dass möglichst bald der Morgen kommt. Es kamen zwei Männer, die laut diskutierten und eine Frau, die wie ein Modell von Picaso aus der blauen Zeit aussah. Sie war sehr dünn und sah ungesund aus, rauchte Tabak und zitterte die ganze Zeit. Ausser »Ja« oder »nein« sagte sie kein einziges Wort. Aber dafür erzählten ihre Augen mehr und sie lächelte viel, was mich an Kerzen im Wind errinnerete.

Die zwei Männer diskutierten immer noch heutig miteinander, obwohl mir jemand erzählte, dass sie sich in der Nacht kennen gelernt hatten und unterschiedliche Sprachen sprachen, sodass sie sich kaum verstünden. Na ja egal, dachte ich. Ich konnte auch kaum etwas verstehen. Trotzdem wenn einer erzählt, kann mann gut zuhören. Da kam noch ein Mann, der deutsch sprach, und uns vorschlug spaziehn zu gehen.

Ich glaube Nachhinein, dass der Mann, der nicht so viel als anderen erzählte, ein Selbstmordgefährdeter war. Sein Reiseplan war sehr komisch und ich spürte, dass er kein Gefühl mehr haben will. Er hatte noch zwar Temperatur, aber sein Herz schlug kaum noch. Auf jeden Fall liess er uns nur ganz langsam zu laufen, sowie sein Herz noch pochte. Von einem Pflasterstein zum nächsten, ganz langsam… Schritt für Schritt…

Am Mein gab es schöne Brücken, die mit vielen Lichtern geschmückt waren. Auf einer dieser Brücken sind wir angekommen und haben wir wieder eine Weile gequatscht. Es find langsam nach morgen früh zu riechen, als wir und entschieden nach Hause – wo jeder schläft – zu gehen. Auf einer Kreuzung verabschiedete sich der erster, verschwanden in die Stadt sowie der nächster. Ich war wieder allein und fand die Ecke wieder, wo mein Gepäck versteckt hatte. Ich wartete auf die Sonne, die bald aufgehen sollte.

Das war der erste Tag meiner Reise. Ich wusste nicht, wo ich einmal hinkommen würde. Ich versuchte einfach von Frankfurt nach vorne zu laufen, wo die Strasse weiter ging. Mal übernachtete ich auf einem Bauernhof, mal unter einer Brücke, im Park, auf unterschiedlichen Bahnföhen. Ich war alleine und konnte selber entschieden, ob ich weiter laufen will oder nicht. Wenn ich nicht mehr laufen wollte, konnte ich auf der Stelle bleiben. Wenn ich nicht mehr bleiben wollte, musste ich weiter laufen. Es war trotz allem lustig. Einmal wurde ich zum Kaffe bei einem Bauer und seiner Familie eingeladen. Die Großmutter kochte uns Kaffee. Ich unterhielt mich mit dem Vater und seinen drei Söhnen über Ackerbau und Wirtschaft auf englisch. Ein anderes Mal kamen in einem Park mitten in der Nacht junge Leute mit Motorrad, sie brachten Kisten mit Bier und bestellte Pizza, um Geburtztag zu feiern. Ich dürfte auch mitfeiern.  Ein anderes Mal wartete ich mit einer Schnecke unter dem Dach einer Brennholzstation darauf, dass der Regen aufhört.   Es war eine Pflanze, die mir sofort die Haut verbrannte. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich Brennnesseln nicht und dachte sofort, dass ein Gift von der Schnecke mich schwer verletzt habe.

Und so weiter habe ich bei der Reise viele solcher kleinen Geschichten erfahren. Ich versuche mich, während ich hier an der Schreibmaschine tippe, an jedes Detail zu erinnern. Viele Teilchen sind teilweise schon kristallisiert, es hält sich immer noch der frische Geruch und Feuchtigkeit in der Luft. Deutschland riecht im Allgemeinen nach grün, nach frischen Kräutern in der Luft.

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Zur Jugendherberge Weilburg-Odersbach

Etwa in 10 Tage nach der kleinen Wanderung Stadt zu Stadt, Weg nach Weg, wurden meine Füße kaputt. Ich war sehr müde und konnte nicht mehr laufen. Da war eine klein Stadt, die Weilburg hieß, und eine Frau am Kiosk informierte mich, dass es eine Jugendherberge gebe und dass man dort willig übernachten könnte. Der Busfahrar, den ich nach dem Weg fragte, hatte keine Fahrgäste, da hat er mich bis vor den Eingang der Jugendherberge gebracht. Ich hätte es allein nicht mehr geschafft, allein auf meinen Füßen zu stehen war sehr schwierig.

Als ich dort gelandet bin, habe ich am selben Abend eine Blume gezeichnet. Da kam die Chefin der Jugendherberge, sie hieß Frau Schmidt. Sie schaute meinen Skizzenblock an und fragte mich, ob ich Künstlerin sei. »Noch nicht ganz, aber eine kleine schon«, sagte ich und fragte sie wie die Blume heißt. »Sie heißt Stifelmütterchen.« sagte Frau Schmidt und buchstabierte eins zu eins, schrieb auf die Skizze. In dem Moment fiel mir ein, sie zu fragen ob ich bei ihr arbeiten könnte, um hier bisschen länger bleiben zu können. Aber meine Idee und kleiner Mut haben ihr nicht gut gefalllen. »Leider hier in Deutschland darf man das nicht.« Das hatte ich schon gedacht. Und ich fande es sehr schade, aber da konnte man nichts machen.

Aber als ich am nächsten Morgen ein bisschen später als die anderen Gäste aufgestanden war, schlug Frau Schmidt mir beim Frühstück vor, noch einen Tag länger zu bleiben. Da war ein Zivi namens Martin, dem ich als Assistentin helfen konnte.

Es war so: Für die körperlichen Tätigkeiten wie Putzen, Waschen, Abwaschen, Garten machen, Betten abziehen, Gemüse schneiden, Müll runterbringen, eine Menge Tassen und Teller spülen, bekame ich ein Schlafzimmer, das im obersten Stock der Herberge lag. Vom Fenster aus sah ich die Spize von einem jungen Baum, grüne Felder, Hütten und ein breiter Himmel gehörte auch dazu.

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»Das Haustierbuch«

Ich hatte ein Buch gefunden. Das war in dem Stapel,  der auf dem Dachboden in der Jugendherberge lag, wo Bücher, die nicht mehr ins Schließfach im Saal rein passten, einfach gelagert wurden. Da waren sehr viele alte hübsche Bücher.

Es heißt: »Das Haustierbuch. Vom Wesen der Schönheit und dem Nutzen der nah bei uns lebenden Tierarten.« Das Buch wurde 1955 von Paul Eipper geschrieben. In dem Buch, in dem es 334 Fotos gibt, werden die verschiedenen Haustiere genau beschrieben. Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Es ist sehr gut geschrieben, voller Humor, die Erklärungen sind gelungen.

Die Fotos sind alle schwarz-weiß, aber in meiner Vorstellung sah ich sie in bunten, farbigen Bildern. Damals, als ich über den literarischen Teil des Buches noch nicht viel wusste, konnte mir jedes Fotos kleine Geschichte erzählen.

In unserem schnellen, wissenschaftlichen Fortschritts-Zeitalter verlieren die Menschen leicht den Sinn für das Mysterium der Natur. Die Massenkommunikationsmittel versorgen uns zwar mit unzähligen Informationen. Aber das Buch, das ich in der Jugendherberge gefunden habe, macht einen stärken Eindruck auf mich als die gegenwärtigen Informationen.

Ich bin zwar in der nähe von Tokyo, aber auf dem Land aufgewachsen. Aber ich wusste z.B. gar nicht mehr, wo, wann und wie oft das Huhn die Eier legt. Oder, wie die Menschen die Tiere aus der Nature als Nutztier gezüchtet haben. Unsere nächste Generation würden vielleicht immer weniger Kontakt mit solchem Leben, das paralell zu unserem läuft, haben.

Da kam mir die Idee, dass ich das Buch gerne Mal aus dem Stapel mit meinen Bilder abzustauben. Der literarische Teil gilt teilweise als nicht mehr aktuell, aber ich lass es so, wie der Herr Eipper vor 50 Jahren geschrieben hat. Es machte vielleicht Sinn es so zu machen, gegen den Zeitgeist heutzutage, in dem geglaubt wird, dass immer etwas Neueres größeren Sinn macht und Gewinn bringt.

Zu meinen Zeichnung: Ich möchte euch gern übersetzen, nicht von Wort zu Wort, sondern von Foto in Zeichnung mit meiner eigenen Spache. Der Wunsch so etwas zu tun kam mir, als ich das Buch zum ersten Mal gesehen habe.

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Zum Schluss

»Warum zeichnest Du?«, wurde ich gefragt, als ich rund um den Küchentisch mit meinen Freunden gefrühstuckt habe. »Warum arbeitest Du?«

Bei der Arbeit mit dem Haustierbuch habe ich eine große Freude gehabt. Das war wie Klavier spielten, nach Noten von Komponisten. Meine Musiklehrerin sagte mir, wenn ich Klavier spiele, wird die Musik ein bisschen jazzmäßig. Die Bilder sind meiner Meinung nach wie eine Sprache. Damit kann man immer etwas erzählen. Eine Geschichte, seine Gefühle, einen Krimi, Nachrichten, usw., je nachdem was man erzählen will. Interessanterweise gibt es bei der bildenden Kunst Regeln wie Grammatik, so vielfältig wie Vokabeln, und Kommunikationsformen wie z.B. Dialog.

Oder oft ist es wie Kochen, es gibt Salz und Pfeffer, Zucker und Essig, damit man leckere Gerichte voller Geheimnisse zubereiten kann. Geschwindigkeit, Farbkombination, Größe, Material, Linien, Formen… haben Künstler frei zur Verfügung.

»I’d like to became an artist who can express his own mind und sprits.« War der einzige Satz, den ich mit 13 Jahren im Englischunterricht auswendig gelernt habe. »Watashi ha jibun no tamashii wo hyogen dekiru sakka ni naritai desu.«, ist auf japanisch. »Ich möchte eine Künstlerin werden, die ihren eigenen Geist und Seele ausdrücken kann.«

So fing meine große Reise in der Welt der bildenden Kunst an. Ich habe dadurch so viele schöne Erfahrungen gemacht. Besonderes in den letzten 6 Jahren,  das Haustierbuch war auf meiner Wanderschaft durch die Städten und bei der Begegnung mit vielen Menschen immer dabei.

Ich möchte mich hier zum Schluss, bei den Leuten, die mich als Künstlerin unterstützt haben und mir immer weitere Wege gezeigt haben, bedanken. Ich hätte das alleine hätte gekonnt. Ihren Freunden und Kameraden wünscht Maki alles Gute und Liebe, frohes Schaffen!
2006, Maki

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Vorgelesen von Malte Sandschulte:
http://sandvfx.com/media/Maki-Haustierbuch.mp3